[blockquote align=“left“ cite=“–Barack Obama“]We may not be able to stop evil in the world, but how we treat one another is entirely up to us.[/blockquote] Mit Ende 20 steckt man als Junge noch hochgradig in der Pubertät. Die Kindheit liegt nicht lange zurück. Tja, und damals… wurden aus Ästen Pfeile und Bogen gebastelt. Der Hund mimte die Büffelherde. Und per Schnick, Schnack, Schnuck wurden die Cowboy- und Indianerformationen unter den Freunden ausgelost. Das Ziel dieses Spiels ist verschwommen. Lediglich einige „Peng, Pengs“ und das Indianer-Geschrei tönen noch in meinen Ohren. Früher sah ich die Maskerade als eine romantische durch kindliche Augen ohne dabei die Hintergründe erahnen zu können. Und heute…? Der kindliche Blick verließ mich nur bedingt. Es ist der Wilde Westen, Baby… Die karge Landschaft untermauert meine Vorstellung. Die Verkehrsschilder sind durchlöchert. Bei genauerer Betrachtung steigt man nicht nur über Erde, Steine und Gräser. Immer wieder finden sich leere Patronenhülsen. Einmal mehr, einmal weniger und einmal bedenklich viele…

Angefangen hat jedoch alles in Phoenix. Mit der ersten kulinarischen Enttäuschung im Airportmotel. Viermal Rocky Balboa, Bitte. Überwältigt vom nahen Kindheitstraum aller konnte ein anderer via Lieferservice in Brotform bestellt werden: The Italian Stallion als Sandwich. Die zweite kulinarische Enttäuschung folgte am Morgen. Der Rhythmus wurde im Laufe der Reise beibehalten….

[column_one_half]Phoenix – Nogales mit einem Dollar Auto im Schnelldurchlauf. Rauchpausen, Pinkelpausen, Flugzeugfriedhof. Nogales ist zweigeteilt. Eine Stadt zwei Staaten. Ein Zaun. Die Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko verläuft auf einer Länge von über 3144 Kilometern. In den Ballungsräumen wurden die Zäune ausgebaut.
[/column_one_half] [column_one_half_last]DSC_0452 copy[/column_one_half_last] Im restlichen Grenzbereich trennt jedoch bloß eine Reihe Stacheldraht die beiden Nationen voneinander. Amerikanische Flaggen deuten auf die „gute Seite“ hin.

In den ersten Tagen galt es für unsere Körper den Jetlag sowie die überdurchschnittliche Burgerzufuhr zu kompensieren: Einleben und Auskundschaften Nogales und der näheren Region standen auf dem Programm. Dabei wurden einige Kilometer runtergespult. Wir kamen in Richtung Nord-Osten bis Naco, wo wir weite Strecken durch den Nationalpark Coronado zurücklegten – wir statteten der historisch belegten Stadt Tombstone einen Besuch ab und trauten uns schließlich bis nah an den Zaun. In südwestlicher Richtung fuhren wir bis Sasabe, einer 7 Seelengemeinde direkt am Zaun gelegen. Ein schräger Ort, an dem wir Tom und Michelle trafen. Sie sind Nachbarn und erzählen von den zahlreichen Begegnungen mit illegal eingereisten Mexikanern, die über den Zaun kommen und einfach quer durch die Stadt spazieren. Tom ist der Grund, warum wir hier sind. Er ist der Kopf einer Gruppe von zivilen Bürgern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben ihre Grenzen zu verteidigen.

[column_one_half]DSC_0605 copy[/column_one_half][column_one_half_last]Die zweite Woche bricht an. Und wir sind mit dieser Gruppe, die sich AZBR (Arizona Border Recon) nennt, in ihrem Camp abseits jeglicher Zivilisation (also noch mehr abseits…) verabredet – nahe der Grenze. Hier wurde der Zaun nicht weiter ausgebaut. Darum ist es ein beliebter Durchzugsort für Schlepper und Drogenschmuggler des Kartells. [/column_one_half_last] Ich war sehr gespannt auf diesen Moment. Denn hier prallen zwei absolut konträre Lebensvorstellungen aufeinander. Auf der einen Seite stehen Mitteleuropäer, die fernab jeglicher Waffen im Alltag aufwuchsen. Und auf der anderen Seite ist eine Gruppe von Männern, die seit ihrer Kindheit mit dem Umgang von Schusswaffen geübt sind. Männer, die ihre hart erarbeiteten freien Tage lieber für die Idee der AZBR opfern als mit ihren Familien tatsächlich in den Urlaub zu fahren – sich Ausrüstung im 2stelligen Tausenddollarbereich leisten und bei 0 Grad und eiskaltem Wind die Stellung im Freien halten – auch wenn absolut nichts passiert. Sie harren aus. Umgeben von Stille, die in der heutigen Gesellschaft kaum mehr erfahren werden kann. Sie wird lediglich von Kojoten in Abwechslung mit dem Rascheln einiger Essensrationen gestört.

Nach einer schlaflosen Nacht steht am nächsten Tag ein Marsch an. Die Buben packen ihre 30 Kilo Rucksäcke, legen ihre Schutzkleidung und Waffen an und machen sich bereit. Wir erklimmen den Berg im Tarnmodus, gebückt, von Schatten zu Schatten huschend, um unentdeckt zu bleiben. Oben am Berg gibt’s eine Jause und dann geht’s wieder zurück. Also fast wie am Wandertag – nur eben schwer bewaffnet… 7 Tage die Woche. Mein Militärdienst ist abgeleistet…
[column_one_half]Ihre Bestimmung hier zu sein, diese Aufgabe macht sie stolz – macht ihre Familien stolz. Für sie ist es Urlaub: das Campleben, das ganze technische Spielzeug angefangen von ihren Waffen über die Nachtsichtgeräte bis zu ihrem Hightech-Feldessen. Um das Lagerfeuer versammelt, erzählen sie sich, warum sie an der Grenze sind. Denn einige kennen sich noch nicht. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Bundesländern (Kalifornien, Texas, New York, etc.). Allen gleich ist ihr Patriotismus, ihre Feindseligkeit gegenüber Ausländern, ihre Verschwörungstheorien. Ums romantische Lagerfeuer werden ihre Geschichten und Ideologien geteilt, gefestigt Sie puschen sich gegenseitig. In ihnen steckt genauso noch immer der Cowboy wie in mir – die Weltvorstellungen sind allerdings anders. Als Kind war es für mich damals eine Form vom „Fangen-Spiel“. Die AZBR macht im Endeffekt nichts anderes. Sie schießen nicht so wie die Minutemen auf die illegalen Eindringlinge – sie nehmen sie bloß in Gewahrsam bis die offizielle Border Patrol kommt.[/column_one_half][column_one_half_last]DSC_0556 copy[/column_one_half_last]Um über ihre Absichten, Motivationen, Verschwörungstheorien aufzuklären, wird dieser Kurztext nicht ausreichen. Außerdem fehlt mir der Nerv dazu… Die verrückte Welt der Amis eben. Fuck! (Btw: die amerikanische Satzkonstruktion sieht Nomen plus Verb plus Fuck vor.)

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